Veröffentlicht am: 5. September 2026Kategorien: ProsaViews: 10

Das schöne Wetter ist anscheinend ein Stammgast am Mittwochmorgen, stelle ich fest. Der makellose blaue Himmel bestätigt die Wettervorhersage mit dem stabilen Hoch über der Schweiz.

Ich parkiere mein Auto gegenüber dem Strandbad von Wollishofen. Um diese kühle Jahreszeit ist der Parkplatz oft leer. Meine Tasche um die Schulter geschlungen, überquere ich die Strasse und nehme den kleinen Weg zum See hinunter, wo der fast dreihundert Meter lange Cassiopeia-Steg – wie ein Zickzackbogen des gleichnamigen Sternbildes – das Strandbad umrandet und über dem Wasser schwebt.

Seit einem Jahr mache ich jeden Mittwochmorgen diesen Weg zum „Spiraldance“ im Gemeinschaftszentrum. Der Weg bis dorthin ist mein morgendliches Ritual geworden. Dabei wurde der Cassiopeia-Steg zu meinem Gehmeditationspfad; der See mit dem Himmelsgewölbe zu meiner Meditationshalle; die Möwen, Enten, Schwäne und Taucherli zu meiner Sangha; das Rauschen des Windes zum Klang der Glocke. Und die Sonne belebt mein Herz.

Es ist sehr speziell, auf dem Cassiopeia-Steg zu gehen. Luft und Wasser unter den Füssen. Das gibt mir das Gefühl zu schweben. An einem sehr windigen Morgen hatte ich das Gefühl, mich vom Wind forttragen lassen zu wollen. Mich mit dem Wasser, der Luft, den Wolken zu vereinigen – Einssein mit den Elementen. Ich lasse gern den Wind meine Gedanken auswaschen und den Geist reinigen. Mit jedem Atemzug lasse ich die Luft in jede Körperzelle eindringen, von der Hirnzelle bis zu den Zehen. Alle Gedanken, ob gut oder schlecht, die sich in den Furchen des Gehirns gelagert haben, sollten gründlich gereinigt werden. Das ist dann eine geistige Morgendusche auf dem Cassiopeia-Steg.

Zwei Stunden später gehe ich den gleichen Weg zurück. In der Mitte des Stegs gibt es eine Sitzgelegenheit. Dort setze ich mich immer für eine Viertelstunde hin und geniesse das geschenkte Dasein. Zum Dasein gehört auch der Tod, nicht wahr?

Wenn man stirbt, würde man körperlos und schwerelos davonschreiten. Bestimmt noch leichter als ich auf dem Cassiopeia-Steg. So etwa stelle ich mir vor.

Die Sonne steht schon höher am Himmelsgewölbe, das Licht ist blasser geworden. Der Wind bringt etwas wie Salzgeschmack herbei. Eine weisse Möwe segelt gerade vor meinen Augen und landet elegant auf dem Wasser. Dann gesellt sich eine nach der anderen dazu. Denken die hungrigen Möwen, dass sie von mir Futter kriegen würden? Oder sammeln sie sich gerade hier auf dem Wasser aus einem anderen Grund? Egal. Es ist für mich höchst unterhaltsam, diesen Vögeln zuzuschauen. Unausweichlich kommt mir die Geschichte von der Möwe Jonathan in den Sinn. Ich suche nach Jonathan.

Welche von ihnen könnte Jonathan sein? Eine, die später aus der Schar verbannt wird, weil sie nicht wie eine Möwe fliegen möchte und sich etwas anderes zutraut?

Der Gedanke an Jonathan, die Möwe – ich fühle mich eigenartig erleichtert.

(2018)

Habe ich dein Interesse geweckt?

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