ein klarer stiller See, der den Himmel und Wolken widerspiegelt.
Veröffentlicht am: 2. November 2026Kategorien: ProsaViews: 6

„Seelenspiegel“ ist ein Nachklang zu meinem Buch „Der See“ – und lässt sich auch für sich allein lesen.

Bild: Türlersee am frühen Morgen im Oktober

 

 

Die Vormittagsstille liegt wie ein gefrorener Hauch über dem Wasser.

Der See – kein Wellenschlag, kein Zittern. Am Ufer drängen sich die Tannen in sattem Dunkelgrün, fast schwarz, und lehnen sich schweigend an den Hang.

Oben der blaue Himmel, dazwischen weisse Wolkeninseln, die sich im noch tieferen Blau des Sees widerspiegeln. Die Luft ist kühl und klar, sie trägt den feuchten Duft von nassen Holz und Erde.

Ich stehe am Rand, die Füsse im unsichtbaren Jetzt. Altholzpfähle schauen aus der Tiefe hervor wie verirrte Gedanken, die irgendwo stecken geblieben sind. Wie lange stehen sie schon da, den Gezeiten ausgesetzt, umgeben von dieser unendlichen Weite?

Wie oft wandern die Tage an uns vorbei, ohne dass wir sie berühren? Die bedeutsamen Augenblicke ziehen leise an uns vorüber – flüchtig wie der Schatten eines fliegenden Vogels auf dem Wasser.

Die Stille des Wassers hat eine eigene Stimme. Sie fragt nicht nach dem Gestern, sie fordert kein Morgen. Sie ist einfach da – kühl, unnahbar und seltsam tröstlich. Ich schaue in diesen grossen Spiegel und spüre, wie tief drinnen etwas nachgibt. Eine alte Wehmut steigt auf, leise wie der Nebel über den Baumwipfeln. Es ist nicht mehr Traurigkeit, die schmerzt, sondern eine tiefe, stille Berührung, die daran erinnert, dass ich da bin. Ich bin allein mit mir selbst und doch verbunden mit allem, was atmet.

Ein kleiner Vogel zieht in weiter Ferne seine Bahn, ein unscheinbarer Strich am weiten Himmel und hinterlässt nicht einmal eine Spur im Wind.

Und doch gehört er ganz in diesem Augenblick.

Vielleicht ist das Leben nichts anderes als ein Durchziehen dieser Wolken. Ein Schatten, der fällt. Ein Licht, das bleibt. Ein Kommen und Gehen in einem Raum, den wir nie ganz begreifen werden.

Die Arme weit geöffnet, atme ich ein. Die Kühle strömt durch den Körper, wäscht das Überflüssige fort und lässt den Geist weit werden. Und für einen Augenblick weiss ich nicht mehr, ob der Himmel oben schwebt oder tief in meiner Brust wohnt.

Ein Lächeln ist geboren. Eine Feder auf dem Wasser.

(2026)

 

Zu Beginn jedes Monats findest du hier einen neuen Prosatext – einen Moment zum Innehalten und Weiterträumen.

 

Buchcover vom "Der See", Autorin Hang Lien

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