
Wie fliesst Qi eigentlich durch unseren Körper
Wenn wir Qigong üben, sprechen wir immer wieder vom Qi – unserer Lebensenergie. Wir sammeln und nähren Qi und fördern seinen freien Fluss.
Doch wo fliesst dieses Qi eigentlich?
Nach dem Verständnis der Traditionellen Chinesischen Medizin bewegt sich Qi in einem weit verzweigten Netzwerk von Leitbahnen durch unseren Körper. Diese Leitbahnen werden Meridiane genannt.
Ich stelle sie mir gerne wie ein Flusssystem vor: Grosse Ströme, kleinere Flüsse und feine Verzweigungen sind miteinander verbunden. Solange das Wasser frei fliessen kann, wird die Landschaft versorgt. Entstehen jedoch Stauungen oder Hindernisse, verändert sich das ganze System.
Ähnlich können wir uns den Fluss des Qi vorstellen.
Was sind Meridiane?
Der Begriff Meridian ist eine westliche Bezeichnung. In der chinesischen Medizin spricht man von Jing Luo – einem Netzwerk von Leitbahnen und Verbindungen, durch das Qi und Blut den Körper durchziehen.
Meridiane sind nicht mit Blutgefässen oder Nerven gleichzusetzen. Sie gehören zum traditionellen chinesischen Verständnis des Körpers und verbinden verschiedene Bereiche und Funktionskreise miteinander.
Besonders bekannt sind die zwölf Hauptmeridiane.
Die 12 Hauptmeridiane
Die zwölf Hauptmeridiane bilden sechs Yin-Yang-Paare. Jeder Meridian ist einem Funktionskreis zugeordnet und verläuft durch bestimmte Bereiche unseres Körpers.
Nach der traditionellen chinesischen Organuhr wird jedem Meridian zudem eine Zeitspanne von zwei Stunden zugeordnet, in der seine Aktivität als besonders ausgeprägt gilt. Da es sich um einen Kreislauf handelt, gibt es eigentlich keinen Anfang und kein Ende. Wir beginnen unsere Übersicht hier mit der Gallenblase um 23 Uhr:
- Gallenblasenmeridian (Yang) · 23–1 Uhr – vom Kopf über die Körperseite und Aussenseite des Beins bis zum vierten Zeh
- Lebermeridian (Yin) · 1–3 Uhr – vom grossen Zeh über die Innenseite des Beins bis zum Rumpf
- Lungenmeridian (Yin) · 3–5 Uhr – von der Brust über die Innenseite des Arms bis zum Daumen
- Dickdarmmeridian (Yang) · 5–7 Uhr – vom Zeigefinger über die Aussenseite des Arms bis zum Gesicht
- Magenmeridian (Yang) · 7–9 Uhr – vom Gesicht über die Vorderseite des Körpers bis zum zweiten Zeh
- Milzmeridian (Yin) · 9–11 Uhr – vom grossen Zeh über die Innenseite des Beins zum Rumpf
- Herzmeridian (Yin) · 11–13 Uhr – von der Achsel über die Innenseite des Arms bis zum kleinen Finger
- Dünndarmmeridian (Yang) · 13–15 Uhr – vom kleinen Finger über die Aussenseite des Arms bis zum Gesicht
- Blasenmeridian (Yang) · 15–17 Uhr – vom inneren Augenwinkel über Kopf und Rücken bis zum kleinen Zeh
- Nierenmeridian (Yin) · 17–19 Uhr – von der Fusssohle über die Innenseite des Beins bis zum Brustbereich
- Perikardmeridian (Yin) · 19–21 Uhr – von der Brust über die Innenseite des Arms bis zum Mittelfinger
- Dreifacher Erwärmer (Yang) · 21–23 Uhr – vom Ringfinger über die Aussenseite des Arms bis zum Kopf
Danach beginnt der Kreislauf wieder von vorne.
Die Yin-Meridiane verlaufen überwiegend an den geschützteren Innen- und Vorderseiten des Körpers, die Yang-Meridiane eher an den Aussen- und Rückseiten.
So begegnet uns auch hier wieder ein Grundgedanke der chinesischen Philosophie: Alles ist miteinander verbunden und in einem stetigen Kreislauf.
Was haben die Meridiane mit Qigong zu tun?
Im Qigong bewegen wir nicht einfach nur Arme und Beine.
Durch Haltung, Bewegung, Atmung und unsere geistige Aufmerksamkeit – das Yi – schaffen wir Bedingungen, damit sich der Körper entspannen und das Qi möglichst frei bewegen kann.
Manche Übungen richten sich besonders auf bestimmte Meridiane oder Funktionskreise. Im Organ-Qigong wird dieser Zusammenhang sehr deutlich. Aber auch in anderen Qigong-Formen öffnen und dehnen wir Bereiche, durch die nach traditioneller Vorstellung bestimmte Meridiane verlaufen.
Dabei müssen wir während des Übens nicht ständig überlegen, wo welcher Meridian verläuft.
Für mich ist wichtiger, den Körper wahrzunehmen, die Bewegung nicht zu erzwingen und das Qi seinen Weg finden zu lassen.
Das Yi führt das Qi – aber es zwingt das Qi nicht.
Ein kleiner Impuls für deine Qigong Praxis
Wenn du das nächste Mal Qigong übst, beobachte einmal bewusst deine Hände und Arme.
Entsteht Wärme? Ein Kribbeln? Ein Gefühl von Weite oder Strömen?
Vielleicht spürst du viel, vielleicht wenig oder gar nichts. Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes spüren zu müssen, sondern aufmerksam wahrzunehmen, was gerade da ist.
Von Herz zu Herz
Je länger ich Qigong praktiziere, desto mehr nehme ich wahr, wie alles miteinander verbunden ist.
Eine Bewegung der Hände verändert die Schultern. Die Schultern beeinflussen den Brustraum. Der Atem verändert sich – und manchmal mit ihm auch meine innere Stimmung.
Wir müssen nicht jeden Meridian auswendig kennen, um Qigong zu praktizieren. Doch ein wenig Wissen über diese alten Leitbahnen kann uns helfen, unsere Übungen bewusster zu verstehen.
Denn eine grundlegende Absicht des Qigong ist es, den freien Fluss des Qi in den Meridianen zu kultivieren und zu erhalten.


